Liebes Tagebuch
Ich bin heute ziemlich nachdenklich. Ein bisschen unruhig. Und irgendwie labil. Von einer Stunde zur anderen ändert sich meine Stimmung. Ich mache mir viele Gedanken über Einsamkeit. Über das Alleinsein und darüber, sich alleine zu fühlen.
Es ist Freitagabend. Ich bin alleine. Neben mir flackert eine Kerze und Coldplay nimmt mir ein wenig die Stille im Raum. Ich habe Wäsche gewaschen, gekocht, gegessen und (ein bisschen) aufgeräumt. (Mal wieder) habe ich eine IKEA-Bestellung erledigt, bei einem niederländischen Lieferanten eine Strelitzie bestellt und mir eine Bluse gegönnt, die ich schon länger bestellen wollte.
Jetzt sitze ich im Wohnzimmer und langsam wird es ruhig. Und wenn es ruhig wird, werden die Gefühle und Gedanken lauter. Da ist Unsicherheit darüber, was ich jetzt als Nächstes machen soll und die Sorge, ob es mir gut geht damit.
Diese Momente wühlen Gefühle auf, die mich damals dazu gebracht haben, meine vertraute Umgebung verlassen zu wollen. Die Umgebung war zwar noch vertraut, aber nicht mehr ertragbar. Das plötzliche Alleinsein und das Bestreiten des Alltags ohne die engste vertraute Person haben meine Fähigkeit, mit der Stille im Raum umgehen zu können, zunichte gemacht. Zuvor musste ich nichts tun, die Ruhe und das Alleinsein waren einfach Teil der Zeit. Und auf einmal zerreisst diese Stille alle Mauern der Gelassenheit.
Natürlich könnte ich jetzt einen Film schauen, ein Buch lesen oder – noch engagierter – mich anziehen mich in eine Bar um die Ecke setzen. Vielleicht würde ich andere Menschen kennenlernen. Vielleicht auch nicht. Und selbst wenn man neue Menschen kennenlernt, kehrt man irgendwann wieder zurück ins Wohnzimmer, wo man sich fragt, ob man mit der Stille umgehen kann und etwas mit sich anzufangen weiss.
Ich glaube, Einsamkeit hat nichts damit zu tun, wie viele Menschen man um sich hat. Vielmehr damit, ob die eigenen Bedürfnisse und Wünsche nach Nähe, Verbundenheit und Vertrauen gestillt werden. Wie sehr das Herz gefüllt ist mit dem Gefühl, geliebt zu werden, Liebe geben zu können, behütet zu sein und sichere Orte zu haben, an die man immer gehen kann.
Damit sich etwas füllen kann, muss es ganz sein.
Und so geht es darum, wie lange es dauert, bis man diese Leere nicht nur wieder aushalten, sondern sie vielleicht sogar geniessen kann. Bis man in diese stillen Momente im Wohnzimmer zurückkehrt und einfach nur dankbar ist.
Und vielleicht ist dieser Abend genau das: ein ruhiger Moment irgendwo zwischen Erinnerungen, Wiederaufbau und Heilung. Einer, der sich für einen Augenblick viel zu still anfühlt – und gleichzeitig irgendwo Hoffnung auslöst.
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