***English below***
Liebes Tagebuch
Amsterdam ist eine totale Expat-Stadt. In Restaurants, Bars und Cafés hört man sehr viel Englisch. Wenn ich dann Einheimische höre, die Niederländisch reden, bin ich immer kurz erstaunt und denke: „Ah, die sind sogar von hier.“ Wie fühlt sich das wohl an, wenn man im eigenen Land so oft Englisch sprechen muss, oder darf?
Für mich als Ausländerin ist es sehr angenehm. Man fühlt sich nicht so schnell als Aussenseiterin, weil man eine Sprache spricht, die hier, auch wenn sie nicht die Landessprache ist, sehr viele Menschen ganz selbstverständlich sprechen. Das gibt ein Zugehörigkeitsgefühl und lässt mich nicht als Einzige anders wirken.
Neben einer für meine Ohren irgendwie vertraut niedlichen und „ch“-lastigen Sprache sind die NiederländerInnen direkter als Herr und Frau Schweizer. Wir SchweizerInnen versuchen, Inputs und Kritik so anzubringen, dass sich das Gegenüber nicht auf die Füsse getreten fühlt. Hier kommuniziert man das offener. Nicht abwertend oder respektlos, einfach direkter und ehrlicher. Damit muss man umgehen können. Und mit „man“ meine ich mich.
Es wird hier jedoch weniger gejudget. Zum Beispiel, was Äusserlichkeiten betrifft. Bei uns im Büro interessiert es niemanden, was du anhast, wie deine Haare aussehen oder ob du Make-up trägst. Das passt auch ein bisschen zu dem Bild, dass sich die Menschen hier bei jedem Wetter aufs Velo schwingen und nass, verstrubbelt und ohne geglättete Haare am Ziel ankommen. Das gibt mir das Gefühl, dass es wichtigere Dinge in den Köpfen der Menschen gibt. Und das ist ein schönes Gefühl. Eine Sympathie.
Als ich hier im Job angefangen habe, habe ich mich erkundigt, ob es eine Kleiderordnung gibt. Ich wurde angelächelt und mir wurde nahegelegt, dass es allen vollkommen schnurzegal ist, wie ich rumlaufe. Wenn ich möchte, könne ich im Pyjama kommen. No one cares. Und seit Langem war ich am Morgen nicht mehr so schnell parat wie jetzt. Es passt einfach alles in die Grundeinstellung der Menschen: „Sei einfach so, wie du bist oder sein möchtest.“
Auch im Allgemeinen kommt es mir so vor, dass man hier alles macht, damit die Menschen glücklich sind. Das ist wohl die nordische Kultur. Es gibt unglaublich viele Angebote für alle: Ausstellungen, Festivals, Sportangebote, Museen, Treffpunkte, Workshops, Theater und lange sowie tägliche Öffnungszeiten. Orte, an die man alleine hingehen kann, an denen man mit dem Laptop arbeiten, Fremde oder Freunde treffen, alleine oder in einer Gruppe sein kann. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich zu äussern, sich zu verwirklichen, sich auszuleben oder unter all den Menschen einfach für sich zu sein. Ich mag das sehr. „Alles ist möglich. Nichts muss.“
Wenn ich durch die Strassen und Gassen laufe oder sich mein Weg irgendwo mit dem eines anderen Menschen kreuzt, habe ich das Gefühl, hier öfter angelächelt zu werden. Und ich mag das. Vielleicht fällt es mir auch besonders auf, weil ich selbst total der Anlächel-Typ und grundsätzlich ein grosser Menschen-Freund bin. Ich mag diese kleinen, freundlichen Gesten und Begegnungen.
Man weiss schliesslich nie, was im Gegenüber gerade vor sich geht. Vielleicht macht ein Lächeln keinen Unterschied. Vielleicht aber doch. Vielleicht trägt jemand diesen kurzen Moment der Freundlichkeit ein Stück mit sich und gibt ihn irgendwann weiter. Ich mag den Gedanken, dass so aus einer kleinen Geste eine Kette von Freundlichkeiten entstehen kann. Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass genau das hier ein bisschen mehr gelebt wird.
So angenehm der Umgang mit den Menschen ist, so schwer nachvollziehbar ist für mich der Umgang mit der Stadt. Das Zentrum von Amsterdam ist unglaublich dreckig. Neben Abfall liegen die Strassen und Velowege ständig voller Scherben. Zu Beginn bin ich wie bei einem Ski-Weltcup Slalom gefahren. Mittlerweile habe ich dieses Verfahren aufgegeben und fahre einfach durch und hoffe, dass das Glück auf meiner Seite ist und ich nicht schon wieder mit einem Platten ende. Bei dieser Menge an Scherben kann das nämlich jederzeit passieren.
Eigentlich bräuchte man hier fast ein Dauerabo beim Velomech. Eine „Flat Rate“ sozusagen (Hihi, der ist mir selbst eingefallen). Aber im Ernst: Macht doch bitte was gegen den Abfall. Das trägt schliesslich auch zum Wohlbefinden der Menschen bei.
Die Menschen hier wirken auf mich offen, freundlich, fröhlich und liberal.
Und ich wünsche mir, dass wir alle nicht vergessen, was kleine Gesten auslösen können. Jemandem die Türe aufhalten, etwas Runtergefallenes aufheben, eine Süssigkeit oder Blumen mitbringen oder einfach kurz lächeln. Manchmal braucht es nicht viel, um eine wundervolle Kettenreaktion auszulösen.
Be kind. Always.


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The people
Dear Diary
Amsterdam is a total expat city. You hear a lot of English in restaurants, bars and cafés. Whenever I hear locals speaking Dutch, I’m always a little surprised and think, “Oh, they’re actually from here.” I wonder what it feels like to have to speak English so often in your own country. Or to be able to.
For me as a foreigner, it’s very comfortable. You don’t feel like an outsider as quickly because you speak a language that, even though it isn’t the local language, so many people here speak completely naturally. It gives you a sense of belonging and makes me feel like I’m not the only one who’s different.
Besides having a language that somehow sounds familiar, cute and very “ch”-heavy to my ears, the Dutch are more direct than Mr and Mrs Swiss. We Swiss tend to give input and criticism in a way that tries not to step on anyone’s toes. Here, people communicate more openly. Not in a rude or disrespectful way, just more directly and honestly. You have to be able to deal with that. And by “you”, I mean me.
But there seems to be less judging here. Especially when it comes to appearances. At our office, nobody cares what you’re wearing, what your hair looks like or whether you’re wearing make-up. It also fits the image of people here getting on their bikes in any kind of weather and arriving at their destination wet, windswept and with definitely-not-straightened hair. It gives me the feeling that people simply have more important things on their minds. And I really like that.
When I started my job here, I asked if there was a dress code. I got a smile and was basically told that absolutely no one cares what I wear. If I wanted to, I could come to work in my pyjamas. And it’s been a long time since I’ve been ready this quickly in the morning. It all seems to fit this general mindset: “Just be who you are. Or who you want to be.”
In general, I also get the feeling that a lot is done here to make people happy. Maybe that’s part of the Northern European culture. There are an incredible number of things for everyone: exhibitions, festivals, sports, museums, meeting places, workshops, theatres and long opening hours, often every day of the week. Places you can go to alone, work on your laptop, meet strangers or friends, be by yourself or be part of a group. There are so many ways to express yourself, to do your own thing, to live the way you want to live, or simply to be by yourself among everyone else. I really like that. “Everything is possible. Nothing is a must.”
When I walk through the streets, or when my path crosses someone else’s somewhere along the way, I feel like people smile at me more often here. And I like that. Maybe I notice it more because I’m totally the kind of person who smiles at people, and generally just a big people person. I like those small, friendly gestures and encounters.
After all, you never know what’s going on inside the person in front of you. Maybe a smile makes no difference. But maybe it does. Maybe someone carries that brief moment of kindness with them for a little while and passes it on to someone else later. I like the thought that one small gesture can turn into a whole chain of kindness. And somehow, I feel like that’s lived a little more here.
As pleasant as the way people treat each other is, I find the way they treat the city itself much harder to understand. The centre of Amsterdam is incredibly dirty. Besides rubbish, the streets and bike lanes are constantly covered in broken glass. In the beginning, I used to cycle around it like I was competing in a World Cup slalom. By now, I’ve given up on that strategy. I just cycle straight through and hope luck is on my side and I don’t end up with yet another flat tyre. With that amount of broken glass, it can happen at any time.
You almost need a subscription to the bike repair shop here. A “flat rate”, so to speak. (Hehe, I came up with that one myself.) But seriously: please do something about the rubbish. After all, that contributes to people’s well-being too.
The people here seem open, friendly, cheerful and liberal to me.
And I hope we all remember what small gestures can do. Holding the door open for someone, picking up something they’ve dropped, bringing someone a little treat or some flowers, or simply giving them a quick smile. Sometimes it doesn’t take much to start a wonderful chain reaction.
Be kind. Always.
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