Liebes Tagebuch
Seit Montag fahre ich mit dem Fahrrad zur Arbeit. Ich kann dir sagen, das fühlt sich ganz anders an, als mit der Bahn zu fahren. Erstens bin ich schneller. Zweitens gibt mir das Fahren durch die Strassen und Gassen ein ganz anderes Zugehörigkeitsgefühl zu meinem neuen Wohnort. Und drittens kann ich mich jetzt endlich über die Touristen aufregen, die auf den Fahrradstrassen nicht nach links und rechts schauen. Darauf habe ich ja schon lange gewartet.
Gerade heute auf dem Nachhauseweg musste ich eine Notbremse ziehen, bzw. mit der Rücktrittbremse drücken (hat erfolgreich geklappt). Das Hinterrad driftete lässig nach rechts. Der Touri erschrak. Ich habe mich kurz genervt und mich dann darüber gefreut, dass ich mich darüber nerven konnte.
Des Weiteren habe ich heute viel Dankbarkeit empfunden. Ich glaube, dass mich diese neue Position auch auf mentaler Ebene weiterbringen kann. An unserem Standort in Amsterdam arbeiten rund 160 Mitarbeitende aus etwa 40 Nationen. Unterschiedliche Herkunft, unterschiedliche Religionen, Hautfarben, verschiedene sexuelle Orientierungen, Ernährungsweisen, Kleidungsstile und Geschlechter. Mein Umfeld ist so divers, wie ich es in meinem Leben noch nie erlebt habe. Mit einer Arbeitskollegin habe ich darüber gesprochen, wie bereichernd es ist, mit so unterschiedlichen Menschen zusammenzuarbeiten. Vor allem aber in einer Umgebung, die allen mit einer Offenheit und Selbstverständlichkeit gegenübertritt, die jedem erlaubt, genau so zu sein, wie er oder sie sein möchte.
Das Schönste daran ist also: ALLES IST TOTAL “NORMAL”.
Und das Wort “normal” verwende ich grundsätzlich nicht gerne, weil es aus meiner Sicht kein “normal” und “nicht normal” geben sollte. Aber genau so fühlt es sich an. Niemand muss sich erklären, niemand wird eingeordnet. Man arbeitet einfach zusammen. Der Fokus liegt auf dem Ziel: gemeinsam erfolgreich zu sein und zusammen eine gute Zeit zu haben. Es existiert ein Safe Space, der nicht an einen Ort oder eine Zeit gebunden ist, sondern eine Haltung darstellt. Niemand wird verurteilt oder zurückgehalten.
Ich behaupte, dass Menschen, die in einem solchen Umfeld arbeiten dürfen, Offenheit und Respekt gegenüber anderen Lebensweisen und Ansichten entwickeln sowie unglaublich viel Einfühlungsvermögen und Verständnis. Dass ich das erleben darf, gehört zu den grössten Dingen überhaupt. Und dafür bin ich sehr dankbar. Dafür liebe ich Amsterdam.
Nebenbei möchte ich noch festhalten, dass ich den Kampf gegen die Waschmaschine und den Gasherd erfolgreich gewonnen habe.
Haushaltsgeräte: 0 / Simi: 1
PS: Vielleicht sind neue Lebensabschnitte ein bisschen wie Sommersprossen. Am Anfang weiss man nicht genau, wo sie herkommen, und irgendwann gehören sie einfach dazu.
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