***English below***
Liebes Tagebuch
Samstag. 10:00 Uhr. Regen. Die Frisur sitzt leider nicht.
Dieser Eintrag wird, wie so oft, in einer Bar geschrieben. Das klingt jetzt doch irgendwie ungesünder, als es in Wirklichkeit ist. Ich sitze da zwar an einem grossen Fenster in einer Bar, aber ich trinke Cappuccino. Der herzförmige Milchschaum sieht super aus. Der macht mein Foto Insta-tauglich.
Wobei ich eigentlich eher ein Glas Champagner bestellen sollte (doch noch ungesund). Es ist schliesslich Jubiläumszeit.
Es regnet immer wieder stark. Dann wieder Nieseln. Ich habe den perfekten Platz zum Beobachten.
Ein kleines Mädchen auf dem Laufrad, mit knatschgelber Regenjacke, Helm und einem riesigen Lachen im Gesicht, bringt mich zum Schmunzeln. Zwei scheinbar obdachlose Männer sind auf dem Weg in den Park gegenüber. Eine Joggerin, die aus Versehen in eine Pfütze getreten ist, nervt sich sichtbar darüber. Sehr nachvollziehbar. Ein Mann, der seinem Freund einen Kuss auf die Wange drückt. Und seit ich da sitze, sind etwa hundert FahrradfahrerInnen an mir vorbeigefahren. Die einen in Regenkleidern, dem Wetter angepasst. Die anderen einfach in normaler Hose oder einer Jeans, die von der Nässe dunkelblau geworden ist.
Niemand scheint vom Regen beeindruckt zu sein. Auch nicht negativ. Alle kennen die Wetterlage in den Niederlanden. Man kann jederzeit von Wind und Regen überrascht werden. Oder eben nicht mehr.
Aber zurück zum Champagner! Wie schnell ein halbes Jahr vergehen kann! Ey, es isch chuum zum glaube.
Nach wie vor ist es irgendwie surreal. Unglaublich. Und ab und zu überwältigend.
Viele dunkle Tage liessen diesen Wunsch nach Abstand, neuen Erlebnissen und einem neuen Umfeld zu einem meiner grössten Abenteuer werden. Nach wie vor vermisse ich die Zeit vor dieser Dunkelheit. Ich denke viel daran …
Nach einem halben Jahr hat sich bereits einiges verändert. Vieles, was sich am Anfang noch nach Mut angefühlt hat, ist inzwischen einfach Alltag geworden. Alleine irgendwo hinzugehen. Ja zu sagen, ohne genau zu wissen, was mich erwartet. Mich in einer fremden Sprache durchzuschlagen. Neue Menschen kennenzulernen. Dinge selber herauszufinden.
Aus einer fremden Stadt werden bekannte Wege. Aus Unsicherheit wird ein „Ach, das kriege ich schon hin“. Aus Menschen werden Freunde. Und im Gym kennt man mich mittlerweile und spricht mich selbstverständlich mit „Simi“ an. Das mag ich sehr.
Und nach wie vor wird mir immer wieder bewusst, wie wichtig es ist, anderen Menschen das Gefühl zu geben, dass sie willkommen sind und sich wohlfühlen dürfen. Weil ich hier genau das erleben darf.
Ich lerne ein neues Gesundheitssystem kennen. Ich lerne, wie verdammt viel man hier für die Abfallsteuer bezahlen muss (eeeey!), wie wichtig hier Menschen sind, die die Fenster von aussen reinigen, wie sportlich hier alle sind, wie frei und jung man sich fühlt, wenn man in einem Bakfiets rumgefahren wird, und dass es nie zu viele Cafés und Bars geben kann.
Amsterdam macht viel mit mir.
Ich …
… bin gelassener geworden gegenüber dem, was andere denken.
… bin fröhlicher als noch vor einem halben Jahr.
… bin stärker geworden. Physisch. Zumindest im Bankdrücken.
… habe mein Englisch verbessert. Lerne aber immer noch dazu.
… habe anscheinend einen niederländischen Akzent, wenn ich Englisch spreche.
… sehe anscheinend auch aus wie eine Niederländerin. Ob das ein Kompliment ist, lassen wir jetzt einfach mal im Raum stehen.
… lebe nach dem Motto, nichts zu bereuen.
… probiere, aus allem das Beste zu machen.
… trage mir Sorge.
… gönne mir Maniküren, Massagen, Shoppingexzesse und Gesichtsbehandlungen.
Im Moment begleiten mich Gedanken wie:
- Loslassen bedeutet nicht, vergessen zu müssen oder dass es nicht mehr wichtig ist.
- Akzeptieren bedeutet nicht, aushalten zu müssen.
- Manchmal braucht es nicht mehr als einen kleinen Arschtritt an sich selber.
- Dann wird das halt nass. Das trocknet wieder.
- Ich gehe da jetzt einfach hin. Was soll schon passieren?
- Vielleicht lassen sich die Sterne neu schreiben.
- Zufriedenheit ist eine Einstellungssache.
- Manifestation? Ja!
- Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur … Ok, das ist Bullshit.
Ich kann es kaum erwarten, zu erleben, was noch alles auf mich zukommt.
Ein halbes Jahr Amsterdam.
Was für ein Abenteuer.
Was für ein Fest!
XXX


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6 months!
Dear Diary
Saturday. 10am. Rain.
This entry is, as so often, being written in a bar. That sounds more unhealthy than it actually is. I may be sitting by a big window in a bar, but I’m drinking a cappuccino. The heart-shaped milk foam looks great. It makes my photo perfect for my Instagram story.
Although I should probably be ordering a glass of champagne instead (unhealthy after all). It’s anniversary time!
It keeps raining heavily. Then it drizzles again. I have the perfect spot for people-watching.
A little girl on a bike, wearing a bright yellow raincoat and a helmet, with a huge smile on her face, makes me smile too. Two seemingly homeless men are on their way to the park across the street. A jogger who accidentally stepped into a puddle is visibly annoyed about it. Very understandable. A man gives his boyfriend a kiss on the cheek. And since I’ve been sitting here, about a hundred cyclists have passed by. Some in rain gear, dressed for the weather. Others simply in normal trousers or jeans that have turned dark blue from the rain.
No one seems particularly bothered by the rain. Not even in a negative way. Everyone knows what the weather is like in the Netherlands. You can be surprised by wind and rain at any time. Or maybe, at some point, it just stops being a surprise.
But back to the champagne! How can half a year go by this quickly?
It still feels kind of surreal. Incredible. And, every now and then, overwhelming.
Many dark days turned this desire for distance, new experiences and a new environment into one of the biggest adventures of my life. I still miss the time before that darkness. I think about it a lot …
After half a year, quite a few things have already changed. A lot of things that took courage in the beginning have simply become part of everyday life. Going somewhere on my own. Saying yes without knowing exactly what to expect. Finding my way in a foreign language. Meeting new people. Figuring things out by myself.
A foreign city turns into familiar streets. Uncertainty turns into an “Ah, I’ll figure it out.” People turn into friends. And by now, people at the gym know me and naturally call me “Simi”. I like that.
And I’m still reminded again and again how important it is to make other people feel welcome and comfortable. Because that’s exactly what I get to experience here.
I’m getting to know a new healthcare system. I’m learning how damn much you have to pay in waste taxes here (eeeey!), how important the people who clean windows from the outside are, how sporty everyone is, how free and young you feel when someone cycles you around in a bakfiets, and that there can never be too many cafés and bars.
Amsterdam is doing a lot to me.
I …
… have become more relaxed about what other people think.
… am happier than I was six months ago.
… have become stronger. Physically. At least when it comes to bench pressing.
… have improved my English. Still learning, though.
… apparently have a Dutch accent when I speak English.
… apparently look Dutch too. I don’t really know, whether that’s a compliment or not.
… live by the motto of having no regrets.
… try to make the best of everything.
… take good care of myself.
… treat myself to manicures, massages, shopping sprees and facials.
At the moment, thoughts like these are staying with me:
- Letting go doesn’t mean having to forget or that it no longer matters.
- Accepting something doesn’t mean having to put up with it.
- Sometimes all it takes is giving yourself a little kick up the ass.
- Well, then it gets wet. It’ll dry again.
- I’m just going there. What’s the worst that could happen?
- Maybe you can rewrite the stars.
- Contentment is a matter of mindset.
- Manifestation? Yes!
- There’s no such thing as bad weather, only … Okay, that’s bullshit.
I can’t wait to see what else is coming my way.
Half a year in Amsterdam.
What an adventure.
What a celebration!
XXX
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