***English below***
Liebes Tagebuch
Langsam zieht der Herbst in Amsterdam ein.
Am Morgen ist es länger dunkel. Am Abend wird es früher dunkel. Es regnet mehr. Die Jacken werden dicker, die Terrassen leerer und die Tage irgendwie kürzer.
Ich habe ein bizzeli Respekt vor der Zeit, die nun kommt. Nicht unbedingt vor dem Herbst selbst. Ich mag Kerzen. Ich mag Kuschelkleider. Ich mag es sogar, wenn draussen der Regen gegen die Scheiben prasselt und man drinnen sitzt, etwas Warmes trinkt und für einen Moment nirgendwo hinmuss.
Aber ich kenne mich.
Ich weiss, dass Dunkelheit und graue Tage etwas mit meiner Stimmung machen. Dass ich dann schneller nachdenklich werde. Dass ich mich schneller einsam fühle. Dass die Gedanken lauter werden, wenn es draussen ruhiger wird.
Aber ja, sieben Monate sind vergangen, seit ich hier angekommen bin. Seit ich in Amsterdam lebe. Sieben Monate! Verrückt.
Und ich glaube, es ist mal wieder an der Zeit, ein bisschen Bilanz zu ziehen. Heute allerdings anders als sonst. Denn heute habe ich das Bedürfnis, über die Dinge zu schreiben, die ich an meinem neuen Zuhause nicht so mag. Ja, ich möchte heute bewusst vom Negativen berichten. Ein bisschen abmotzen. Über das, was schwierig ist. Was nervt. Was ich vermisse.
Denn dass ich diese Stadt liebe, weisst du inzwischen. Dass es ein guter Schritt war, hierherzukommen, weiss ich auch. Und dass dieses ganze Abenteuer mich fordert, verändert, glücklich macht und manchmal komplett einnimmt, dürfte mittlerweile ebenfalls ausreichend dokumentiert sein.
Aber Amsterdam ist nicht perfekt. Und mein Leben hier ist es auch nicht.
Amsterdam ist zum Beispiel teuer. Sehr teuer. Ich würde behaupten, dass Lebensmittel hier mindestens auf Schweizer Niveau liegen. Und als Schweizerin bin ich bei hohen Preisen eigentlich ziemlich abgehärtet. Wenn selbst ich manchmal vor einem Regal stehe und denke „Excuse me?!“, will das etwas heissen.
Dann ist Amsterdam immer voll. Und das meine ich in so ziemlich jeder Bedeutung des Wortes. Ey diese Menschenmengen. Es hat so viele Menschen im Stadtzentrum UND auf den Fahrradwegen! SCHAU DOCH NACH LINKS UND RECHTS, STEFAN! Und ja, mit voll ist auch der Alkohol- und Cannabispegel gemeint.
Wie auch schon erwähnt, wäre da die Sache mit dem Abfall. Wie kann man so eine schöne Stadt so verdrecken lassen? Manchmal fahre ich morgens ins Büro, noch bevor die Putztruppe unterwegs war (und so als random fact: Die kommt nicht vor 08:00 Uhr), und es sieht aus, als hätte zwei Stunden zuvor ein landesweites Festival stattgefunden. Oder als hätte es Abfall geschneit.
Der Wind. Ich hasse Gegenwind. Wirklich. Aus tiefstem Herzen. Ich habe verdammt nochmal nur drei Gänge und wenn es windet, bleibe ich manchmal fast stehen, weil ich so langsam bin. Und auf dem Fahrrad langsam zu sein, finde ich ultra nervig. Und dann komme ich noch verschwitzter im Büro an als sonst. Toll!
Und ja, das Klischee über das niederländische Wetter kommt leider nicht ganz von ungefähr. Es ist häufiger grau, (gegen)windig und regnerisch als zu Hause. Kälter sowieso. Man zieht morgens einfach irgendetwas an und hofft, dass man damit die nächsten Stunden überlebt. Vielleicht scheint die Sonne. Vielleicht regnet es. Vielleicht scheint die Sonne, während es regnet. Vielleicht erlebt man innerhalb von zwanzig Minuten alle vier Jahreszeiten. Man muss es nehmen, wie es kommt.
Was ich ebenfalls schwierig finde, ist, wie sichtbar Armut und soziale Probleme hier teilweise sind. Es gibt viele obdachlose und sozial ausgegrenzte Menschen. Gerade in Parks, an Bahnhöfen oder vor Geschäften begegnet man immer wieder Menschen, denen es offensichtlich nicht gut geht. Auch diese offene, liberale und tolle Stadt hat Menschen, die durchs Raster fallen.
Dann ist da das Internet. Eine Katastrophe! Ich weiss nicht, ob ich einfach aussergewöhnliches Pech habe, aber ich habe hier erstaunlich oft Probleme mit dem WLAN. Für ein Land, in dem man gefühlt sein komplettes Leben mit einer App und einem QR-Code organisieren kann, finde ich das bemerkenswert ironisch.
Und dann wären da noch Steuern, Regeln und Politik. Die Steuern sind richtig hoch. Regeln und Gesetze ändern sich ständig und manches wird so lange diskutiert, wieder angepasst und neu geregelt, bis man irgendwann nicht mehr weiss, was jetzt genau gilt und ob es eigentlich einfacher, gerechter oder einfach nur komplizierter geworden ist.
Und dann. Baustellen. Wow, die Baustellen. Mein Arbeitsweg ist inzwischen weniger eine feste Route als ein tägliches Überraschungsprogramm. Heute fahre ich hier entlang. Morgen steht dort plötzlich eine Absperrung und übermorgen wurde eine komplette Strasse aufgerissen. Das Faszinierende daran ist, dass diese Baustellen teilweise genauso schnell wieder verschwinden, wie sie aufgetaucht sind. Manchmal fahre ich morgens irgendwo vorbei und frage mich ernsthaft, ob ich mir die gestrige Sperrung nur eingebildet habe.
Was ich aber am allerwenigsten mag, ist eigentlich ganz einfach: Meine Liebsten sind nicht hier. Sie fehlen mir sehr.
Es klingt so offensichtlich, aber wahrscheinlich ist genau das der schwierigste Teil an diesem ganzen Abenteuer. Es ist nicht immer nur aufregend, mutig und befreiend, alleine in ein anderes Land zu ziehen. Es ist mit viel Einsamkeit, Grübeln, Nachdenken und Unsicherheit verbunden. Also nichts mit Friede-Freude-Eierkuchen.
Man kann einen wunderschönen Tag haben und sich trotzdem wünschen, dass jemand Bestimmtes neben einem sitzt. Dieses leise Gefühl in sich tragen, dass zum vollkommenen Glück gerade noch etwas fehlt. Man kann neue Menschen kennenlernen und gleichzeitig die vermissen, die einen schon seit Jahren kennen. Bei denen man nichts erklären muss. Man kann Amsterdam lieben und sich trotzdem manchmal wünschen, Basel wäre ein bisschen näher.
Aber natürlich weiss ich auch, dass zu Hause nicht immer alles rund läuft. Auch in Basel kann ich mich einsam fühlen. Auch Basel hat Baustellen. Und Regen. Und Dinge, über die ich mich aufregen kann. Denn irgendwann wird aus jedem neuen Ort Alltag. Und mit dem Alltag verschwindet auch ein bisschen die rosarote Brille.
Ich versuche gerade zu lernen, dass Dankbarkeit nicht bedeutet, immer alles grossartig finden zu müssen. Ich kann dankbar dafür sein, hier zu leben, und trotzdem Tage haben, an denen ich Basel vermisse. Ich kann Amsterdam lieben und mein Leben hier gleichzeitig manchmal richtig anstrengend finden.
Ich kann stolz darauf sein, dass ich diesen Schritt gemacht habe, und mir trotzdem manchmal wünschen, dass er ein bisschen einfacher wäre.
Ich wollte Veränderung. Jetzt habe ich sie. Mit allem, was dazugehört. Mit Grachten und Gegenwind. Mit Freiheit und Heimweh. Mit langen Sommerabenden und grauen, stillen Regentagen. Mit neuen Menschen und den Menschen, die mir fehlen. Mit wunderschönen Momenten und solchen, in denen ich mich frage, was ich hier eigentlich mache.
In meinem Amsterdam-Roman beginnt also langsam ein neues Kapitel.
Ankommen ist vorüber. Es geht jetzt darum, hier zu leben. Und darum, die Dankbarkeit auch dann nicht zu vergessen, wenn nicht alles leicht ist. Dankbar zu sein für mein Leben, genauso, wie es gerade ist. Für all das, was ich erleben darf. Dankbar für meine Lebenszeit.
Der Weg ist das Ziel.
Und nicht vergessen: Wir wollen eine 10/10.
Fortsetzung folgt.









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7 months!
Dear Diary
Autumn is slowly making its way into Amsterdam.
It stays dark longer in the mornings. It gets dark earlier in the evenings. It rains more. The jackets are getting thicker, the terraces emptier, and somehow, the days shorter.
I have a little bit of respect for the time that’s coming now. Not necessarily for autumn itself. I like candles. I like cosy clothes. I even like it when the rain is pattering against the windows outside while you’re sitting inside, drinking something warm, with nowhere you need to be for a moment.
But I know myself.
I know that darkness and grey days do something to my mood. That I become more thoughtful more quickly. That I feel lonely more easily. That my thoughts get louder when everything outside gets quieter.
But yes, seven months have passed since I arrived here. Since I started living in Amsterdam. Seven months! Crazy.
And I think it’s time for another little reflection. Just a different kind this time. Because today, I feel like writing about the things I don’t like so much about my new home. Yes, today I want to focus on the negatives. Complain a little. About what’s difficult. What annoys me. What I miss.
Because by now, you know that I love this city. I know that coming here was a good decision. And the fact that this whole adventure challenges me, changes me, makes me happy and sometimes completely consumes me has probably been sufficiently documented by now as well.
But Amsterdam isn’t perfect. And neither is my life here.
Amsterdam is expensive, for example. Very expensive. I’d say groceries here are at least on a Swiss price level. And as a Swiss, I’m actually pretty hardened when it comes to high prices. So if even I sometimes stand in front of a supermarket shelf thinking, “Excuse me?!”, that says something.
Then there’s the fact that Amsterdam is always full. And I mean that in pretty much every sense of the word. There are so many people in the city centre AND on the bike paths! LOOK LEFT AND RIGHT, STEFAN! And yes, by “full” I’m also referring to the alcohol and cannabis levels.
As I’ve mentioned before, there’s also the rubbish situation. How can you let such a beautiful city get this dirty? Sometimes I cycle to the office in the morning before the cleaning crews have been out (and just as a random fact: they don’t come before 8:00 a.m.), and it looks like there was a nationwide festival two hours earlier. Or like it snowed rubbish overnight.
The wind. I hate headwinds. Really. With all my heart. I have only three damn gears, and when it’s windy, I sometimes almost come to a standstill because I’m going so slowly. And being slow on a bike is ultra annoying. And then I arrive at the office even sweatier than usual. Great!
And yes, unfortunately, the cliché about Dutch weather doesn’t come from nowhere. It’s greyer, windier, rainier and generally more miserable more often than back home. And colder anyway. You just put something on in the morning and hope it’ll get you through the next few hours. Maybe the sun will shine. Maybe it’ll rain. Maybe the sun will shine while it rains. Maybe you’ll experience all four seasons within twenty minutes. You just have to take it as it comes.
Something else I find difficult is how visible poverty and social problems can be here. There are many homeless and socially excluded people. Especially in parks, at train stations or outside shops, you regularly come across people who are clearly not doing well. Even this open, liberal and wonderful city has people who fall through the cracks.
Then there’s the internet. A disaster! I don’t know if I’m just exceptionally unlucky, but I have problems with Wi-Fi surprisingly often here. For a country where it feels like you can organise your entire life with an app and a QR code, I find that remarkably ironic.
And then there are taxes, rules and politics. Taxes are really high. Rules and laws seem to change constantly, and some things are discussed, adjusted and regulated all over again for so long that eventually you no longer know what actually applies or whether things have become easier, fairer or simply more complicated.
And then. Construction works. Wow, the construction works. My way to the office has become less of a fixed route and more of a daily surprise programme. Today I cycle this way. Tomorrow there’s suddenly a barrier there, and the day after tomorrow an entire street has been torn up. The fascinating thing is that some of these construction sites disappear just as quickly as they appeared. Sometimes I cycle past somewhere in the morning and genuinely wonder whether I just imagined yesterday’s road closure.
But the thing I like least of all is actually very simple: My loved ones aren’t here. I miss them a lot.
It sounds so obvious, but that’s probably the hardest part of this whole adventure. Moving to another country on your own isn’t always just exciting, brave and liberating. It also comes with a lot of loneliness, overthinking, reflecting and uncertainty. So no, it’s definitely not all sunshine and rainbows.
You can have a beautiful day and still wish that one particular person was sitting next to you. You can carry this quiet feeling inside you that something is still missing for you to be completely happy. You can meet new people while still missing the ones who have known you for years. The ones you don’t have to explain anything to. You can love Amsterdam and still sometimes wish Basel were just a little bit closer.
But of course, I also know that things don’t always run smoothly back home either. I can feel lonely in Basel too. Basel has construction sites too. And rain. And things I can complain about. Because eventually, every new place becomes everyday life. And with everyday life, the rose-tinted glasses start to fade a little too.
I’m trying to learn that being grateful doesn’t mean having to think everything is amazing all the time. I can be grateful to live here and still have days when I miss Basel. I can love Amsterdam and, at the same time, sometimes find my life here really exhausting.
I can be proud of myself for taking this step and still sometimes wish it were just a little easier.
I wanted change. Now I have it. With everything that comes with it. With canals and headwinds. With freedom and homesickness. With long summer evenings and grey, quiet, rainy days. With new people and the people I miss. With beautiful moments and those moments when I wonder what on earth I’m actually doing here.
So slowly, a new chapter is beginning in my Amsterdam novel.
The arriving part is over. Now it’s about actually living here. And about not forgetting to be grateful even when not everything is easy. Being grateful for my life, exactly as it is right now. For everything I get to experience. Grateful for my time on this earth.
The journey is the destination.
And don’t forget: We’re going for a 10/10.
To be continued.
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