Category: my amsterdam diary

  • 02.03.2026 – der erste Arbeitstag

    Liebes Tagebuch

    Heute war mein erster offizieller Arbeitstag bei meinem neuen Arbeitgeber in Amsterdam.

    Ich war sehr nervös. Obwohl ich mein Team bereits vor Ort kennen (und lieben) lernen durfte, war ich total aufgeregt und hibbelig. Mein Kopf wusste, dass alles gut ist. Mein Puls war sich da noch nicht ganz sicher.

    Treffpunkt war um 09.15 Uhr. Nullneunfünfzehn. Für manche normal. Für mich biologisch gesehen Mittag. Ich versuche noch herauszufinden, ob ich mich anpasse oder ob Amsterdam sich an meine 05.30-Uhr-Energie gewöhnen muss. Wir lassen das noch offen.

    Schon als ich am Eingang abgeholt wurde, wusste ich: Das hier. Das war die richtige Entscheidung. Ich wurde umarmt. Alle freuten sich, mich zu sehen. Herzlich. Echt. Und jede Person, die ich getroffen habe, schwärmte von der Firma.

    Auf jeden Fall gab es zuerst einmal einen Kennenlern- und Ankomm-Kaffee. Liebe ich. Danach Informationen über die Firma, die IT und von Office Operations bezüglich aller administrativen Tasks wie Urlaub, Krankheit, Präsenzzeiten, etc.

    Die Räumlichkeiten verleihen totalen Start-up-Vibe: Open Space, offene Küche, Lounges, Sofas, Glasfronten. Viel Licht. Viel Luft. Viel „setz dich irgendwo hin und arbeite, wo du willst“. LIEBE ICH.

    Und jetzt kurz eine Botschaft in die Schweiz:
    Es gibt Müesli, Haferflocken, Trockenfrüchte, Obst, Nüsse, Schokolade, Chips, Riegel, alles für Toasties, Joghurt, Skyr, Kaffee, Süssgetränke und diverse andere Verführungen. Umsonst. Kostenlos. Gratis. Ich wiederhole: gratis.

    Ich habe kurz überlegt, ob ich hier arbeite oder in einem sehr gut getarnten All-inclusive-Resort gelandet bin.

    Über den Arbeitsweg (sofern es keine Verspätungen gibt), darf ich mich auch nicht beklagen: Eine Station mit dem Zug oder vier Stationen mit der Metro bis Amsterdam Centraal. Je 5 bis 7 Minuten. Davor und danach 5–10 Minuten Fussweg. Mit dem Fahrrad wären es etwa 15 Minuten. Das mache ich, sobald ich eines gekauft habe und offiziell zur niederländischen Bevölkerung gehöre.

    Ich bin mit einem Lächeln nach Hause gegangen.
    Nicht dem höflichen Lächeln.
    Dem echten.

    Es fühlt sich gut an.
    Es fühlt sich richtig an.

    Morgen habe ich mich vor der Arbeit im Gym angemeldet.
    Erstens, weil ich nicht schon wieder bis 09.15 Uhr ausschlafen kann.
    Zweitens, weil die Snack-Abteilung ernstzunehmende Ambitionen hat.

    Gute Nacht.

    PS: IKEA, bitte bringe morgen wie verabredet NACH 16.00 Uhr mein Bett und mein Sofa. Ich bin bereit für eine erwachsene Schlafsituation.

    Das breitere Gebäude in der Mitte isses.

  • 28.02.2026 – über Ausländer und Packesel

    Liebes Tagebuch

    Ich möchte zu Beginn eine Botschaft nach Hause senden: Mein Bett und Sofa kommen am Dienstag. Für alle, die sich Sorgen gemacht haben: Ich muss nicht am Boden schlafen. Also doch, aber ich habe noch eine Matratze dazwischen. Gut, wenn man Freunde am Ort hat, wohin man zieht.

    Dann kurz zu gestern, da stand viel Administration auf dem Plan. Auf der Gemeindestelle besorgte ich mir meine Social Security Number (BSN-Nummer). Innerhalb von 10 Minuten war ich offiziell in Amsterdam registriert. Kein Wunder ist diese Stadt voller Expats und Auslandsstudenten. Als mir die freundliche Gemeindestellenmitarbeiterin die Dokumente in die Hand drückte und mich verabschiedete, hielt ich kurz inne – bis ich merkte, dass mich das gar nichts kostete. Mein Schweizer Herz war verblüfft.

    Dann passierten unspektakuläre Dinge wie das Eröffnen eines Bankkontos und das Abschliessen einer Krankenversicherung. Ausländerkram halt. Beides war ebenfalls innert je drei Minuten erledigt. Mega gut.

    Zum heutigen Tag möchte ich gerne Folgendes loswerden:
    Ich war bei IKEA shoppen. Der verdammte schwedische Möbelladen hat eine Umsatzsteigerung durch mich grundsätzlich gar nicht mehr verdient. Aber ja. Was will man machen. Ich packte alles in den Einkaufswagen, was ich für zwingend notwendig erachtete. Zum Beispiel einen Bluetooth-Speaker (hihi). Der Wagen füllte sich „plötzlich“ und hemmungslos habe ich Geschirr, Pfannen, Klobürsten, Klopapierhalterungen, Garderobenschränke, Schuhregale und Co. eingepackt. Ob ich wusste, dass ich das alles nach Hause tragen muss? Ja. Ob ich wusste, dass die Metro ausfällt und ich zusätzlich noch einen Fussmarsch absolvieren muss? Nein.

    Bei LIDL passierte anschliessend dasselbe. Ich legte mir einen soliden Vorrat an Putz- und Grundnahrungsmitteln zu. Konserven. Mais. Kichererbsen. Dinge, die auch dann noch überleben, wenn ich es nicht tue. Alles wurde bei Regen und Wind heldenhaft nach Hause getragen.

    Jetzt kann ich zu Hause sorglos aufs Klo gehen und mit Teller und Besteck Mais aus der Dose essen.

    Auf Kochen habe ich aber keine Lust mehr. Mache ich dann morgen.

    Memo an mich: Schrauben ohne Schraubenschlüssel und Kerzen ohne Feuerzeug sind unpraktisch.

  • 26.02.2026 – It begins

    Liebes Tagebuch

    Seit August 2025 arbeite ich auf diesen Tag hin. Jetzt ist er gekommen. Und ich habe mich alles andere als bereit gefühlt. Heute war der Tag, an dem ich nach Amsterdam gezogen bin.

    Ich bin jetzt zwar wirklich hier, aber die Worte „Ich wohne jetzt in Amsterdam“ fühlen sich immer noch sehr surreal an. Die letzten zwei Wochen habe ich damit verbracht, mich von meinen geliebten (und teils auch weniger geliebten) Mitmenschen zu verabschieden. Ich glaube, ich habe noch nie so viel geweint für etwas, das ich mir schon immer mal gewünscht habe.

    Im Ausland zu wohnen und zu arbeiten stand seit Langem auf meiner Bucket List, und hier bin ich nun, um das „abzuhaken“. Dass ich mich dafür von den wichtigsten Menschen in meinem Leben verabschieden muss, fiel mir unglaublich schwer. Dank ihnen ist mein Leben lebenswert. Sie erfüllen es mit Lachen, Freude, Leichtigkeit und Verbundenheit. Sie zurückzulassen macht mich sehr traurig. Und gleichzeitig habe ich in dieser Abschiedsphase so wahnsinnig viel Liebe, Zuneigung, Unterstützung und Nähe erfahren, dass es mich unbeschreiblich erfüllt hat zu erkennen, wie viele wundervolle Menschen ich in meinem Leben habe.

    So wurde ich heute Morgen von einem Teil meiner Familie abgeholt.
    „Ich habe nur zwei Koffer, einen Rucksack und eine Tasche“, habe ich ihnen gesagt.

    Mhm. Genau.

    Man könnte meinen, ich sollte mich mittlerweile besser kennen. Es waren dann noch zwei Rucksäcke und zwei Taschen mehr. Schliesslich muss ich ALLES mitnehmen, weil man in Amsterdam ja auch überhaupt nichts kaufen kann… Und so durfte ich im Familienbus Platz nehmen und Basel und die Schweiz an mir vorbeiziehen lassen. Nein, ich war definitiv nicht bereit. Ich verdrückte noch ein paar Tränen (schon wieder) aufgrund diverser herzerwärmenden Wünsche meiner Liebsten. Und ich bin ehrlich: Ich hatte einen riesigen Klumpen im Bauch. Ich fühlte mich nicht (mehr) mutig und ich konnte nicht glauben, dass es wirklich losgehen soll. Schon in der ersten Stunde hinterfragte ich mein ganzes Vorhaben.

    Je länger die Fahrt aber dauerte und je näher wir den weiten Feldern, dem Grün, dem vielen Wasser sowie den Pferden und Schafen kamen, desto mehr kribbelte es im Bauch.

    Und dann kamen wir an.

    Im Südosten von Amsterdam befindet sich mein neues Zuhause. Die Übergabe der Wohnung hat bestens geklappt. Es könnte etwas sauberer sein, aber ich will mich nicht beklagen. Mein Apartment ist ausgestattet mit einem Esstisch, vier Stühlen, einer Garderobe und einem Kleiderschrank. Den Rest muss ich mir noch besorgen. Dank einer missglückten IKEA-Organisation muss ich heute Nacht auf mein Bett und mein Sofa verzichten. Danke, IKEA. Wirklich. Hoffen wir mal auf morgen. Bitte, IKEA. Wirklich.

    Meine Familie hat sich dann ins Hotel verabschiedet. Und da war ich. Alleine in einer (fast) leeren Wohnung. DANKE, IKEA. WIRKLICH. Einsamkeit, Unsicherheit und Angst überkamen mich. Ich setzte mich einen Moment hin und merkte, wie mich ein komisches und unwohles Gefühl überkam.

    Was tue ich hier eigentlich?

    Da ich noch einkaufen musste, war ich gezwungen, die Gegend etwas zu erkunden. „Ah, die ist neu hier.“ So fühlten sich die Blicke der Menschen an, die mir entgegenkamen. Ich lief durch die Strassen und spielte meine „Keep on“-Playlist auf den Ohren. Lieder, die mich zum Weitermachen antreiben. Ich spazierte durch die Gassen, beobachtete die Menschen, nahm Cafés wahr, Restaurants, Einkaufsläden und meine geliebten Backsteinhäuser. Alles ist fremd. Und fühlt sich kalt an. Und trotzdem war da Neugier in mir. Entdeckungsfreude. Und das Verlangen, dass sich alles schnell vertraut anfühlen soll. Ich kaufte im Jumbo ein paar lebensnotwendige Dinge ein. Essen, für das ich kein Geschirr benötige. Und Klopapier. Ich entdeckte einen Blumenladen und machte einen auf Miley Cyrus und „bought myself flowers“.

    Nun sitze ich mit Tulpen, Brot und Aufstrich ZU HAUSE und versuche zu verarbeiten, was ich wahrscheinlich unfähig bin, in den nächsten Stunden zu verarbeiten.

    Ich bin dankbar, wehmütig, emotional und vorfreudig.

    Ich bin in Amsterdam.